Bei der Architekturbiennale in Venedig 2012 war an der Außenwand des deutschen Pavillon in großen Lettern zu lesen: „Reduce/Reuse/Recycle“. Im Inneren des Pavillons fand man den erklärenden Text, der an unser Jahresthema „Spurwechsel“ erinnerte. Man müsse die Zeichen der Zeit erkennen und Müll als Wertstoff erkennen. Die drei R sind als Hierarchie zu verstehen. Reduce: Reduzierung, Verringerung des Abfallvolumens; Reuse: mögliche Weiterverwendung; Recycle: materielle Umformung. Einerseits wäre die Wertschätzung des Vorhandenen die beste Voraussetzung für einen freien und damit neuen Umgang, andererseits eröffnen sich durch diese Haltung neue Möglichkeiten des Handelns. „Die Qualität der gezeigten Projekte liegt nicht in spektakulären formalen Eingriffen, sondern in intelligenten Strategien.“
Mit unserem neuen Jahresthema für 2013/2014 „MehrWeniger“ setzen wir unsere Überlegungen der vorangegangenen Jahre fort. Nicht zufällig erinnert es an Leopold Kohr und sein Credo, sich am Überschaubaren und Kleinen („Small is beautiful“) zu orientieren.
Als Leitmotiv dient uns ein Zitat, das Voltaire, Johann Wolfgang von Goethe, Mark Twain oder auch Karl Marx zugeschrieben wird und in dem das Dilemma unserer Zeit auf den Punkt gebracht wird. „Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen einen so langen Brief schreibe, aber für einen kurzen hatte ich keine Zeit." Alle Umfragen stellen fest, dass wir uns nichts mehr wünschen als weniger Hektik, Stress und Hetzerei. Wir wünschen uns mehr Zeit. Die Versprechungen der digitalen und elektronischen Erfindungen der letzten Jahrzehnte haben sich ins Gegenteil verkehrt und unseren Alltag, unser Leben, ungemein beschleunigt. Der Dokumentationsfilm „Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" versucht, diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Auf der Suche nach Lösungen und Alternativen trifft der Regisseur auf bemerkenswerte und beispielgebende Aussteiger.
„Du musst dein Leben ändern“: diese berühmte Gedichtzeile von Rilke war für den Philosophen Peter Sloterdijk der Anlass für ein ganzes Buch (2009), denn die „apokalyptische Endspielsituation", in der sich die heutige Welt befände, wäre unübersehbar. Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben als unser Leben, das heißt unseren Lebensstil, zu ändern. Die Februar-Tagung „Nie ist zuwenig, was genügt" (ein Spruch von Seneca) mit Heini Staudinger und anderen Andersdenkenden hilft vielleicht auch, neue Wege zu finden. Entschleunigen, abspecken, zurückschalten, Wesentlichem (mehr) Raum geben, und das nicht auf Kosten anderer. Small ist nicht nur beautiful, small is sexy, believe me …
„Es geht darum, ausgehend von einem anderen Kapitalbegriff, die Gesellschaft zu verändern. Nicht das Geld ist das Kapital, sondern die Fähigkeit des Menschen. Diesen Gedanken muss man solange verfolgen, bis die geeigneten Wirtschaftsgesetze vorhanden sind …“
Dieses Zitat von Joseph Beuys aus dem Jahr 1982 – jenem Jahr, als er in Kassel seine Aktion „7000 Eichen“ startete – verweist auf das aktuelle und globale Dilemma, in dem wir stecken: alles dreht sich mehr denn je um jenes bedruckte Papier, das wir Geld nennen.
1987, kurz nach dem Tod von Beuys, wurde in Kassel die letzte Eiche gepflanzt. Heute, dreißig Jahre später, sind auch die Einwohner von Kassel stolz und glücklich über das grüne Erscheinungsbild ihrer Stadt. Doch diese ausufernde Aktion von Beuys hat nicht nur formal die Stadt nachhaltig verändert und sie attraktiver gemacht, sie ist auch ein Beispiel dafür, dass eine künstlerische Arbeit maßgebliche gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen vermag.
So wie die „7000 Eichen“ eine ständige Mahnung und Erinnerung daran sind, unsere Basis nicht aus den Augen zu verlieren - „Wir können nicht gegen, sondern nur mit der Natur überleben.“ (Hans Eichel, damaliger Oberbürgermeister von Kassel) – sind auch die Plakate von Klaus Staeck aktueller denn je. Seit mehr als eineinhalb Jahren sind seine Text-Bild-Kombinationen im Goldegger Ortszentrum ausgestellt, ohne dass sich seine Ironie und die Treffsicherheit, mit der er globale Probleme anspricht, abgenutzt hätten. Immer wieder berichten uns aufmerksame Flaneure, wie sehr sie die Werke von Staeck, der übrigens ein Freund von Beuys war, in ihrer Haltung bestätigen und bestärken.
Im letzten Jahr luden wir den Berliner Architekten und Designer Van Bo Le-Mentzel, Erfinder der Do it yourself-Möbelkollektion „Hartz-IV“, zu einem Workshop ein. Seine neueste Kreation, ausgestellt im Ortszentrum, das mit Teilnehmern gebaute Ein-Quadratmeter-Haus, und sein Lebensmotto „konstruieren statt konsumieren“ entsprechen unserem Jahresthema auf ganz besondere Weise.
Formale Bescheidenheit als Qualität oder: weniger ist mehr. Der Salzburger Künstler Wolfgang Eibl ist ein Meister des kleinen Formates: in der Ausstellung „hereingeflattert, angeschwemmt“ zeigt er von seinen tausenden Bildern in der Größe von Postkarten eine Auswahl, während von dem Hofgasteiner Bildhauer Franz Wimmer Holzarbeiten zu sehen sind, die es trotz ihrer äußerst reduzierten Form schaffen, im Betrachter eine Fülle von Assoziationen zu wecken.
Heinz Kaiser