2010

"SOUVERÄN WERDEN"

Einem souveränen Menschen schreibt man die Fähigkeit zu, eigen­verantwortlich zu denken und zu handeln. Diese Selbst­bestimmtheit ist es, die dem souveränen Menschen Sicherheit und Gelassenheit bringt. Freiheit in Entscheidungsfragen und Selbstvertrauen in das, was er tut und wie er es tut, sind konstitutiv für den souveränen Menschen – und für einen Künstler. Denn das zeichnet den guten Künstler aus: dass er sich in seiner Arbeit, in seinen Projekten,  in dem, was er kreiert, nicht beirren lässt.

Der Künstler Georg Bernsteiner vertraut seit Jahren dem klassischen Medium der Zeichnung. Es genügen ihm Grafitstift und Papier, um das, was für ihn entscheidend ist, auf die Welt zu bringen. Seine Zeichnungen sind das Ergebnis konzentrierter Beobachtungen: Kleinigkeiten, scheinbare Nebensächlichkeiten werden bildwürdig. Eine künstlerische Haltung wie diese setzt große Souveränität voraus, wenn man bedenkt, zu welchen Mitteln und Medien heutzutage Künstler greifen und mit welchem Aufwand Ausstellungen realisiert werden. Seine Arbeiten, die in der Ausstellung „I Dream A Highway“ zu sehen sind, werden einmal mehr die These vom „Großen im Kleinen“ beweisen.

Die Ausstellung „Mode als Brücke“ informiert über einen ambitionierten Brückenschlag zwischen Wien und Afrika und nimmt auf eine andere Weise auf die Jahresthematik „Souverän werden – das Große im Kleinen“ Bezug: Es wird ein Blick in die Lebens- und Arbeitswelt in Agadez / Niger geworfen und der Schneider Abdourahman wird für die Dauer der Ausstellung sein Atelier nach Goldegg verlegen!

Die zwei Kinofilme „Über Wasser“ und „Workingman’s Death“ dokumentieren einerseits unseren maßlosen Umgang mit dem lebenswichtigen Element Wasser, andererseits den verantwortungslosen, ausbeuterischen Umgang mit dem arbeitenden Menschen. Beide Filme zeigen in faszinierenden und starken Bildern eine erschreckende Wirklichkeit. Und bei beiden Filmen wird dem Zuseher die Frage nicht erspart bleiben, ob es nicht besser wäre, im Sinne von Leopold Kohr in der Kleinheit eine Chance zu sehen, Bescheidenheit (wieder) als Tugend ernst zu nehmen und das menschliche Maß nicht aus den Augen zu verlieren. Neue Problemlösungsstrategien sind gefragt, alte Denkschemata müssen in Frage gestellt werden, denn in einer endlichen Welt ist unendliches Wachstum nicht möglich. Der Nachhaltigkeitsmanager (!) Fred Luks beginnt sein Buch „Endlich im Endlichen – Warum Großzügigkeit und Ironie die Welt retten kann“ (Metropolis Verlag, 2010) mit dem Satz: „Entspannen Sie sich – das ist das beste, was Sie für die Rettung der Welt tun können.“ Und Entspanntheit ist doch auch eine Frage der Souveränen, oder?              

Heinz Kaiser


Kultur- und Seminarzentrum Schloss Goldegg, Austria, 5622 Goldegg, Hofmark 1
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