2019/20 „Grenze und Freiheit“

„Grenzen sprengen – Mitte finden": so der Titel der Goldegger Dialoge 2002. Hans Spatzenegger, damals Mit­ver­ant­wort­licher für die inhaltliche Ausrichtung der Dialoge, betonte die Widersprüchlichkeit in Bezug auf das Setzen von Grenzen. „Grenzen soll es also geben – und auch nicht. Manchmal sind sie ein notwendiges Übel, sie schützen und sind unvermeidlich; manchmal empfinden wir sie als unerträglich, ja kata­strophal und fehl am Platz, d.h. hinausschieben, überschreiten, einreißen, sprengen …“ (Tagungs­band, S. 7)

Ohne Zweifel sichern Grenzen ein konfliktfreies Zusammen­leben von Menschen. Grenzen werden aus politischer Sicht (Landesgrenzen) gezogen, aus kultureller Sicht (Kon­ven­tionen), aus sozialer Sicht (Familienzugehörigkeit), aus weltanschaulicher Sicht (Religiöse Wertvorstellung; Tabus) oder aus erzieherischer Sicht (Kinder brauchen Grenzen). An­gesichts der aktuellen Flüchtlingsströme plädiert man für die Sicherung der Grenzen, geht es jedoch um wirtschaftliches Wachstum oder die Befriedigung der individuellen Mobilität, kann es nicht grenzenlos genug sein.

Von den Künstlern fordert die Gesellschaft wiederum die Grenzüberschreitung. Diese als Freiheit der Kunst bezeichnete legitime Provokation ist in demokratisch ausgerichteten Ländern wie Österreich ein verfassungsrechtlich garantiertes Grundrecht. „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit" ist über dem Eingang der Wiener Secession unmissverständlich zu lesen. Doch Freiheit ist nicht Synonym für Grenzenlosigkeit, Freiheit ist Verpflichtung und Verant­wortung dem anderen gegenüber. Wo es keine Grenzen gibt, herrscht nicht Freiheit, sondern Willkür, Chaos und Tyrannei.

Wir starten ins Jahr 2019 mit lustvollen Grenz­über­schreitungen. Die Wiener Tschuschenkapelle und das Quartett bratfisch ignorieren zwanglos und gekonnt musikgeografische Grenzen (Stichwort Weltmusik), und das Punk/Pop/Rock-Trio Glue Crew attackiert den scheinbar guten Geschmack mit herber Nonchalance im Pongauer Dialekt. 

Die aktuellen Film-Dokumentationen Die bauliche Maßnahme und Das versunkene Dorf erinnern an die Südtirol-Exkur­si­onen des Kulturvereins der letzten Jahre und leisten einen sehr direkten Beitrag zum Jahresthema „Grenze und Freiheit“: im ersten Film geht es konkret um die aktuellen politischen Überlegungen zum Brennerpass und was das für die „Grenzregion“ bedeutet. Im zweiten Film steht die Willkür des postfaschistischen Italiens im Mittelpunkt, das sich mit dem Argument des Gemeinwohls die Freiheit nahm, Menschen aus ihren Häusern, von ihren Wiesen und Feldern zu vertreiben, um den Reschenstausee zu errichten. (Welche Ironie: Der aus dem Stausee ragende Kirchturm ist zum beliebten Fotomotiv geworden.)    

„Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen.“
(Meret Oppenheim, bildende Künstlerin; 1975)

Clara Schumann, 1819, vor 200 Jahren geboren, muss eine bemerkenswerte Person gewesen sein. Wie sonst hätte sie es geschafft, in einer Zeit, als die Gesellschaft patriarchalisch organisiert war und Frauen als nicht mündig betrachtet wurden, zu einem Superstar im Konzertbetrieb aufzusteigen? Frau sein bedeutete im 19. Jahrhundert unselbstständig zu sein. Bildung bzw. Ausbildung war dem männlichen Teil der Gesellschaft vorbehalten, die Rolle der Frau war beschränkt auf Mutter und dienende Ehefrau. Emanzipation war ein Fremdwort. Jedoch ihr Vater Friedrich Wieck, bedeutender Klavier­pädagoge seiner Zeit – nicht umsonst nahm Robert Schumann Unterricht bei ihm – musste ihre außerordentliche Begabung schon im Kindes­alter erkannt haben und förderte, ungeachtet der gesellschaftlichen Usancen seiner Zeit, konsequent das Talent seiner Tochter. 
Als sie 1838 in Wien auftrat, neben eigenen Werken u.a. Sonaten von Beethoven spielte, waren die Konzerte ausverkauft, Eintrittskarten wurden gefälscht, der Kutschen-Verkehr kam zum Erliegen und die Presse war aus dem Häuschen!
Dass sie gegen den Willen des Vaters vor Gericht ihre Ver­heiratung mit Robert Schumann durchsetzte, ist ein weiteres Zeichen ihrer Willenskraft. 
Wenn Soo Jin Cha an ihrem Klavierabend Kompositionen von Clara Schumann spielt, könnte man, neben dem Genuss virtuoser Musik der Romantik, dies mitbedenken.

Die zwei Kinofilme „Womit haben wir das verdient!“ und „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ setzen sehr unterschiedlich Grenzziehungen und Freiheitsbestrebungen ins Bild: der eine mit dem Thema Islam im Genre der Komödie und mit auch klamaukartigen Ausformungen, der andere als mitunter schwer zu ertragendes Drama, in dem die unvorstellbare Realität der Slums von Beirut mit dem Schicksal eines Zwölf­jährigen verknüpft ist.

Über die Kooperation mit der Initiative Querbeet kommen die im Irak 1990 geborene und von dort geflüchtete Filmemacherin Kurdwin Ayub und der aus dem ORF bestens bekannte Journalist Karim El-Gawhary zu uns. Thematisiert werden Grenzen und Freiheit, Migration und Multikulturalismus. 

Das Anliegen von Christoph Quarch, Autor und Philosoph: das Denken von großen Geistern der Vergangenheit auf die Jetztzeit zu übertragen, um den Weg zu einem gelingenden, sinnerfüllten Leben zu finden. In seinem Vortrag beschäftigt er sich mit der Grenze: Alles was lebt, braucht seine Grenzen – räumlich wie zeitlich. Platon und Aristoteles werden, das ist zu vermuten, bei seinem „Lob der Grenze“ ausführlich zu Wort kommen.

Sommer:
Zwei aktuelle Dokumentarfilme führen Grenzerfahrungen der besonderen Art vor Augen. „Die Tage wie das Jahr“ ist das konkrete Beispiel von freiwilliger Selbst­beschränkung in der bäuerlichen Arbeit. Der oft gehörten Klage von Landwirten, man wäre aus ökonomischer Sicht zum immer Größer werden gezwungen, widerspricht dieses gelebte Beispiel des Waldviertler Bauernpaares und bringt Leopold Kohrs Credo „Small is beautiful“ in Erinnerung.    
Ganz anders ist das Streben des amerikanischen Free-Solo-Kletterers Alex Honnold, der die 975 Meter hohe, senkrechte Granitwand des El Capitan im Yosemite-Nationapark ohne Sicherung erklommen hat. „Free Solo“ dokumentiert diese unfassbare Kletterleistung aus dem Jahr 2017 und geht auch der Frage nach, was treibt einen Menschen an, dermaßen seine körperlichen, psychischen und emotionalen Grenzen auszutesten, ohne Rücksicht auf das permante Risiko eines tödlichen Absturzes? Honnold liefert eine nicht erfreuliche Erklärung für seine Motivation. Es wäre sein Elternhaus gewesen, in dem er nie gut genug war:  „Auf der Suche nach Perfektion kommt man mit Free Solo dieser am nächsten“, und „wenn man es geschafft hat, fühlt man sich kurz perfekt“. 

Die künstlerische Freiheit gehört zu den Errungenschaften der Moderne. Über dem Eingang der Wiener Secession ist seit 120 Jahren zu lesen: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.“ Dieses Motto wurde mittlerweile auch zum Gesetz – ist aber auch (gesellschaftlicher) Auftrag an den Künstler, ausgetretene Pfade zu verlassen und die Grenzen zu erweitern bzw. zu überschreiten. Gegenstand der Kunstfreiheit ist nicht nur das künstlerische Schaffen, sondern auch die öffentliche Darbietung der Kunst. Werk­bereich und Wirk­bereich werden gleichermaßen von der Verfassung geschützt; Kunstfreiheit erschöpft sich also nicht in Künstlerfreiheit. Neben denen, die Kunstwerke hervorbringen, können sich auch die mit der Vermittlung und Verbreitung von Kunst befassten Personen auf das Grundrecht der Kunstfreiheit berufen. (www.rechtslexikon.net)

Für den bildenden Künstler David Eisl, gebürtig aus St. Johann/Pongau, gehört das Ausloten seiner künstlerischen Grenzen zum Programm seiner Kunstpraxis. Einerseits braucht es das Wissen um die Freiheit, um sich andererseits an die auch selbst gestellten Grenzen heranzutasten – oder sie zu überschreiten und dadurch zu erweitern. Eisl nutzt das im Surrealismus begründete Spiel der Wahrnehmungs­täuschung und -irritation.        Heinz Kaiser