36. GOLDEGGER DIALOGE

Gesundheit ist lernbar

14. bis 17. Juni 2017

„Mut zum Miteinander"

Leben! Wie ein Baum, einzeln und frei
Und brüderlich wie ein Wald.
Diese Sehnsucht ist unser.
(Nazim Hikmet, türkischer Dichter)

Diese Zeilen verarbeitet der deutsche Sänger Hannes Wader in seinem Lied „Leben einzeln und frei", erschienen in dem Album „Dass nichts bleibt wie es war" (1982).
Dass nichts bleibt wie es war scheint gewiss in Zeiten so großer Veränderung.
Bewältigen wir diese Herausforderung am besten durch Selbstoptimierung oder sind wir doch anders grundgelegt, gibt es doch andere und größere Zusammenhänge, die unser Leben (mit)steuern, mitbestimmen?

Entscheidend ist nach Aaron Antonovsky, dem Entdecker des salutogenetischen Prinzips, ein entsprechendes „Kohärenzgefühl", das eine wichtige Ressource zur Bewältigung von Anforderungen und Belastungen ist. Kohärenz hat demnach drei Aspekte: Erstens die Fähigkeit, dass man die Zusammenhänge des Lebens versteht, zweitens die Überzeugung, dass man das eigene Leben gestalten kann und drittens den Glauben, dass das Leben einen Sinn hat.
Prof. Tatjana Schnell von der Uni Innsbruck hat in ihren Forschungen herausgefunden, dass vor allem die Generativität, das heißt so zu leben, dass ich etwas zum größeren Ganzen beitrage, dass die, die nach mir kommen, auch noch ein gutes Leben haben, vorrangig zur Sinnerfüllung beiträgt.

Sinn machen wir an vier Erfahrungen fest, stellt sie weiters fest: an „Zugehörigkeit" zu etwas, das größer ist als ich selbst, an „Bedeutsamkeit" - was ich tue, hat Konsequenzen, an „Orientierung" - ich weiß, wo es hingeht und an Kohärenz - siehe oben. Und wenn wir uns „generativ" verhalten, fühlen wir uns zugehörig, unser Verhalten bedeutsam, es geht in eine klare Richtung - und unser Tun hat Konsequenzen.

Sind wir in unserem tiefgreifenden Wertewandel auf dem Weg zu einer "Kultur der Verbundenheit" mit einem steigenden ökologischen Bewusstsein und der Suche nach sinn-volleren und sozialverträglichen Lebensformen? „Kein Mensch ist eine Insel", schrieb John Donne einmal. Der extreme Individualismus, dem unsere Gesellschaft in weiten Teilen lange Zeit gefrönt hat, ist nicht nur sozial unverträglich, sondern scheint auch aus wissenschaftlicher Sicht nicht das Richtige für den Menschen zu sein. Wie die östlichen Traditionen lehrt uns auch die Quantenphysik, dass es in der Realität keine isolierten Elemente oder Individuen gibt, sondern dass alles mit allem verbunden ist und ein nahtloses Ganzes bildet. In vielen Heil- und therapeutischen Methoden wird auf Basis der Erkenntnis, dass es Energieflüsse gibt, die einfach „wirken“, erfolgreich gearbeitet. Auch neurowissenschaftlich ist der Mensch, wie Prof. Bauer aufzeigen wird, ein auf zwischenmenschliche Spiegelung und Resonanz mit dem „Du“ ausgerichtetes Wesen.

Wenn uns klar wird, wie eng wir miteinander und mit der Welt verbunden sind, tun sich viele Wege auf, den Wert der Zugehörigkeit neu zu entdecken als eine grundlegend sinnstiftende und damit lebenserhaltende und -bereichernde Haltung.
Über solche Wege in unterschiedlichen Lebensphasen, Kulturen, Gemeinschaften werden wir vieles erfahren und erproben können.

Cyriak Schwaighofer